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Historisches, Hintergründe, Überlieferung
Prof. Manfred G. Dinnes
Geschichten, die sich um die Rauhnächte ranken sind mündliche
Überlieferung. Diejenigen, die schreiben hätten können,
saßen in den Klöstern oder bei den Grafen und die hatten
an derlei Bräuchen nicht nur kein Interesse, sondern von hier aus
wurde gegen dieses "Heidentum" angekämpft. Eine der ältesten
schriftlichen Belege um die Rauhnächte findet sich erst um 1630
in Rechnungsbüchern. In der Zeit der Aufklärung wurden Belege
dieses Treibens zwar gesammelt, doch je mehr man glaubte nachforschen
zu müssen, desto mehr verfiel die eigentliche Ausübung. Letztendlich
stellten die Rauhnächte nur noch eine Art Kindererziehungsmaßnahme
dar. In der Zeit, wo alles nach dem sogenannten "Nordischen"
schrie, wurde dann versucht, in den Rauhnächten altes kultisches
Stammesgut zu sehen, als "Born" von "Blutsbrüdern".
Heute dienen diese Geschichten um verwegene Geister und Gestalten meist
als ein touristischer Programmpunkt. Nur an wenigen Orten haben sich
Bräuche erhalten, die einfach so beibehalten wurden, wie sie sind.
Meine Großmutter sagte: "Glabn muaßt was und wennst
nix glaubst, holt di der Deifi zwoamal.
Wo die Rauhnächte ihren Ursprung haben, vermag niemand zu sagen.
Zu oft mussten diese Eigenheiten der eingesessenen Bevölkerung
geheim gehalten werden. Die Gestalten der Rauhnacht bilden ein Konglomerat
verschiedener Kulturkreise, so dass keine eindeutige Zugehörigkeit
bestimmbar ist. Der Wald - und damit ist der Böhmerwald gemeint,
war zudem ständigem Machtwechsel ausgesetzt. Die Angst vor Überfällen,
Mordbrennern, durchziehenden Kriegsherren und dem Hunger war allgegenwärtig.
im Wald brennt sich so etwas ins Gedächtnis ein und bleibt über
Generationen erhalten. Meine Großmutter aus Plössberg vermittelte
mir dementsprechend auch folgenden Abzählreim:
d´Schwedn san kuma,
ham alles mitgnumma,
ham d´Fenster ei´gschlogn,
ham´s Blei davou trogn,
ham Kugeln draus gossen
und d´Leit ham´s d´schossen
In einem Landstrich , in dem nach Jahrhunderten gezählt wird, der
von Schmugglerwegen übersäht ist; in einem Land, das eigentlich
dem Wald gehört, verwundert es nicht, wenn Begriffe Gestalt annehmen.
Druden überfallen ihre Opfer im Schlaf, ersticken sie fast oder
werfen sie in Alpträume. Elementargeister, wie der Rawuzl oder
die Moosweibl´n sind allerorts. Die Rauhnächte haben wahrscheinlich
deshalb am längsten überlebt, weil sie in der Fruchtbarkeitssymbolik
die größte Rolle spielen. Die Zukunft wird vorausgesehen
durch Werfen von Stöcken oder Pantoffeln über den Rücken.
Die Richtung in die sie weisen, zeigt auch die Richtung, aus der der
zukünftige Partner kommt. Ebenso wird die Witterung des kommenden
Jahres vorausgesehen. Zukunft wird auch bestimmbar und im Brauch des
Drei- Königs- Räucherns in Haus und Stall hat sich dies bis
heute erhalten.
Zu der Zeit wo das Jahr immer wieder neu geboren wird, wo die Tage anwachsen,
wo aber auch die Kälte zunimmt ist die Zeit des Elementaren. In
dieser Zeit gewinnen alle Dinge an Bedeutung, werden definiert als Gestalt.
Die Wünsche, die Sehnsüchte treiben die Menschen in ihre Vorstellungswelt,
die sie aus sich herausschälen und die dann plötzlich passiert.
Es ist müßig, nach der Herkunft einzelner Gestalten zu forschen.
Es sind Mischwesen nicht nur von ihrer Gestalt, sondern auch ihrer kulturellen
Herkunft nach. Das Elementare ist eben nicht mehr teilbar. Der Fortgang
des Lebens selbst schreibt sich in die Gestalten, die einen unstillbaren
Drang entwickeln.
So entstehen "Zwischenwelten", wie es der Maler Alfred Kubin
einmal nannte. Aus diesem Reich drängt die Lust nach dem unvorhersehbaren,
die Lust der Geschlechter, die Lust nach dem Unbekannten. Deshalb dreht
sich bei den Rauhnächten vieles um Weissagungen, um Zukunft, um
Fruchtbarkeit. Wenn die Schwelle überschritten wird, zeigt sich
die dunkle Seite, wird hin und her verwoben, bis eine rächende
Gestalt daraus erwächst.
Mit dem Treten eines Fußschemels konnte man in den Raunächten
in die Zukunft sehen.
Fußschammerl, I tritt di,
Heiliger Thomas, I bitt di,
Laß mir erschein
Den Herzliebsten mein,
Wie er leibt und lebt,
Und mit mir zum Altare geht.
Einem Dirnlein bekam das Treten nicht gut. Denn der
Knecht, der ein Aug auf sie hatte, hielt sich versteckt unter dem Bette,
und als die Maid um elf Uhr aufstand, ein Licht auf dem Tische anzündete,
um denselben mit geweihter Kreide einen Kreis zog, das Brett in den
Kreis brachte und sich nackt auf dasselbe stellte, und eben den zweiten
Reim vollendet hatte, holte er aus und schlug sie mit dem Waschbläu
auf den Hintern, dazu rufend: „Und I bin da Deifl und britsch
di!" worauf sie vor Schrecken tot niederfiel.
Hammerschmiede, Köhler, Müller, Hirten und einige Großbauern
wurden verdächtigt im Besitze eines "Schwarzbücheis",
eines Zauberbuches zu sein. Dabei handelte es sich um das sechste und
siebente Buch Mosis. Bei richtiger Anwendung nahm der Besitzer sein
Schicksal selbst in die Hand. Der Großknecht eines Bauern fand
einmal so ein Schwarzbüchl seines Herrn und las daraus laut vor.
Plötzlich drückte eine riesige Gestalt mit einem Geißfuß
das Fenster ein und riss den Knecht mit lautem Brausen durch das Ofenloch
und zum Kamin hinaus. Der Großknecht blieb verschwunden, nur bei
der nächsten Saat fand man überall versprengt die Knochen
eines Mannes.
In einer Rauhnacht konnte man einen Spiegel anfertigen, der einem die
Zukunft verriet. Ein Schmied ging dazu einstmals um Mitternacht auf
einen Friedhof, schaufelte ein Grab aus und ließ den ausgegrabenen
Totenschädel in einen mitgebrachten Spiegel starren. Dann vergrub
er den Spiegel an einem Wegkreuz bei dem ein Selbstmörder verscharrt
lag. In der Mettennacht grub er den Spiegel wieder aus und schaute hinein.
Alle, die im kommenden Jahre versterben würden zogen nun an ihm
vorbei. Auch er war darunter. Vor Schreck blieb er wie tot liegen und
erst in aller Frühe fanden ihn Steinhauer. Sie brachten in nach
Hause und legten ihn ins Bett. Er verließ dieses Bett nicht mehr;
erst zu Lichtmeß' trug man ihn mit den Füßen voraus
aus dem Haus.
In einem abgelegenen Dorf an der böhmischen Grenze lebte ein verwegener
Bursche, der in Erfahrung brachte, wie man Hexen erkennen konnte. Man
musste einen Schemel aus neunerlei Holz zimmern und in der Christmetten
sich auf diesen setzen. Der Bursche tat, wie er es in Erfahrung gebracht
hatte und setzte sich heimlich in der Christnacht in der Kirche auf
seinen Schemel. Wie aber erschrak er, als plötzlich alle Weibspersonen
des Dorfes als Hexen erkennbar wurden. Der Angstschweiß troff
ihm von den Gliedern und er getraute sich keinen Mucks zu machen. Offensichtlich
aber rochen die Hexen die Angst des Burschen und mussten erkennen, dass
dieser sie entdeckt hatte. Mit grässlichen Fratzen und eindeutigen
Handbewegungen drohten sie dem Jüngling, der es nicht mehr aushielt
und laut schreiend ins Freie floh. Die Hexen hinter ihm her und am Kirchenvorplatz
erwischten sie ihn und zerrissen ihn. Nichts mehr hat man von ihm gefunden.
Drei Männer trafen sich in einer Rauhnacht um Gewehrkugeln zu gießen,
denn mit solchen Kugeln ausgestattet fehlt man nicht sein Opfer. Als
es Mitternacht von ferne schlägt öffnet sich plötzlich
der Boden mit grausigem Krachen und eine Gestalt, halb Vieh, halb Mensch
erscheint. Die Drei erstarren vor Schreck und erst als der Morgen dämmert,
fällt diese Starre ab. Der Eine legte sich im Fieberwahn ins Bett
und starb kurz darauf ganz grausig, der Zweite erhängte sich am
Dachboden und der Dritte verlor den Verstand und zündete sein Haus
an. Dort fand man die verkohlte Leiche.
In einem Grenzdorf im Böhmerwald tauchte in den Rauhnächten
immer ein Wesen auf, das den Menschen , die hier wohnten Angst und Schrecken
einjagte. Dieses Wesen, so sagte man, sei groß wie ein Kirchturm
und habe die Gestalt eines Vogels. Gackernd zog er durch die Dorfstrasse
und, als wolle es ab und zu ein Korn aufpicken stupste es auf das eine
oder andere Dach der Dorfhäuser. Im kommenden Jahre war in jedem
dieser angepickten Häuser ein Todesfall auf unnatürliche Weise
zu verzeichnen. In einer Rauhnacht tauchte das Huhn wieder auf, gackerte
wie wild und pickte auf alle Hausdächer des Dorfes, dass es wie
ein Tschinellenorchester klang. Die Dorfleute verfielen von dem Augenblick
an in eine unsagbare Melancholie. Im kommenden Jahr wurde die gesamte
Bevölkerung von der Pest hingerafft. Das Dorf verfiel und wurde
nie mehr aufgebaut.
Ein an sich recht schweigsamer Hirte erzählte ab und an folgende
Begebenheit von der "Anderen Welt" oder "Gegenwelt",
wie er sie nannte: Am Tag vor Lucia musste er nach seinen Schafen, die
in einem Stall auf einer Waldlichtung eingepfercht waren schauen. Eigentlich
gab es nicht direkt einen Grund - ein Gefühl zwang ihn dazu. Bei
seinen Schafen angekommen setzte ein Schneesturm ein, wie er ihn noch
nie erlebt hatte. In kürzester Zeit war Weg und Steg unter ungeheuren
Schneemassen begraben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bei
seinen Schafen zu nächtigen. Mitten zwischen den wolligen Leibern
war er vor der großen Kälte geschützt. Die Schafe drückten
sich ganz eng zusammen und man hörte nicht einmal ein Schnaufen.
Um Mitternacht wird er von merkwürdigen Geräuschen wach. Es
klingt wie ein fürchterliches Schmatzen, dazwischen das Brechen
von Knochen und ein Weh- und Achseufzen. Durch eine Ritze im Stall schaut
er neugierig in die Nacht und was ihn da erwartet, lässt ihm das
Blut gefrieren. Ein unendlicher Zug von absonderlichen Gestalten zieht
am Waldrand vorbei und verschwindet im Berg. Wölfe, so groß
wie ein Holzschupfen, rußschwarze Männer mit Buckelkraxen,
aus denen das Gewimmer kam. Der ganze Zug, der nicht enden wollte, war
überzogen wie von mächtigen Spinnweben, aus denen es gallig
und schleimig troff. Dann war der Zug endlich ganz im Berg verschwunden.
Als der Hirte am nächsten Tag zurück ins Dorf kam, erkannte
ihn keiner. Über Nacht war er schlohweiß geworden. Im Dorf
hatte es nicht eine Flocke geschneit.
Ein Müller, der nicht genug bekommen konnte mahlte auch in den
Rauhnächten unverdrossen weiter, obwohl ihn viele davor warnten.
An Drei König ging er denn wieder abends hinaus zum Mühlkanal,
zog die Doggen, damit das Mühlrad in Bewegung kam und setzte die
Mühlsteine in Bewegung. Schon hatte er den einen oder anderen Maltersack
„in der Reißen", als plötzlich die Mehltruhe aufsprang
und eine grausige Weibsperson herauskroch. „Wia'r a Kroot"
und voller Schimmel. Sie spie dem Müller Mehl in die Augen, der
daraufhin nicht mehr wusste, wer er war. Das Mühlrad drehte sich
derweil wie rasend und die ganze Mühle kam ins Wanken. Hilflos
irrte der Müller in der ganzen Mühle umher, bestieg das Gerüst
für die Mühlsteine und führte sich auf wie ein Besessener.
Plötzlich erfasste in die Spindel des Mahlwerkes und zog ihn unaufhaltsam
Zentimeter für Zentimeter zwischen die Mahlsteine, wo er mit grausigem
Lachen verschwand. Das Mühlrad raste zwischenzeitlich und man mochte
glauben, die ganze Mühle hinge an dessen Achse. Ein Bersten, Krachen
und immer noch das grause Lachen als Echo - dann war es totenstill.
Am nächsten Tag war die Mühle verschwunden mit allem Drum
und Dran.
Es hatten einmal zwei blutarme Leute ein recht böses Kind, das
ihnen viel Verdruß machte. Die Mutter sagte wohl oft zu ihm: "Wenn
du nicht folgen willst, so geb ich dich dem Klaubauf." Aber das
fruchtete wenig bei dem Rangen, der seine Wege ging und die Ermahnungen
seiner Eltern in den Wind schlug. So trieb er es lange Zeit. Da nahte
denn wieder der St.- Nikolaus- Tag, und am Vorabend kam wirklich ein
Klaubauf in die arme Hütte. Der Klaubauf hatte gar lange Hörner
und große, feuersprühende Augen. Schellend und polternd trat
er in die Stube, wo sich das unfolgsame Kind befand, und frug die Eltern
mit hohler Stimme: "Darf ich den Fratzen mitnehmen?" Die Eltern
bejahten seine Frage. Er wiederholte sie zum zweiten und zum dritten
Male, und als die Eltern immer mit Ja antworteten, nahm er das Kind
und trug es zur Tür hinaus. Draußen fuhr er mit dem Kind,
das laut aufschrie und um Hilfe rief, durch die Luft von dannen. Die
armen, bekümmerten Eltern mochten sich wohl abhärmen und nach
dem Kind forschen, sie konnten keine Spur mehr von ihm entdecken.
Rauhnacht in Regensburg
Das Geschehen greift ein Thema auf, das in früheren
Jahrhunderten in Regensburg üblich war, das sogenannte Schemenlaufen.
Das Regensburger Kloster Prüfening erhielt 1249 eine päpstliche
Bulle zugestellt, die das exzessive Treiben verbot. Im Kloster St. Emmeram
wurden derlei Umtriebe erst 1325 verboten. Die Regensburger Domschule
stellte erst 1357 derlei Possen ein. Dieses Schemenlaufen stand in enger
Verbindung mit sogenannten Heischegängen, sprich: man erbettelte
Abgaben, so wie es bis heute noch die Hl. Drei Könige tun. Zum
Jahr 1458 notierte Carl Theodor Gemeiner in seiner Regensburger Chronik:
man habe einen Himmelmann mit seinen Frauen sein Wesen treiben lassen.
Für Krapfen sorgte der Bischof und der Abt von St. Emmeram. Um
1700 wies der Abt von St. Emmeram auf derlei Spiele hin.
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